| Jürgen Bockemühl | |||||
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| Vom Ursprung zu unseren
heutigen Kanarienrassen |
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1. Der Vogel (Aves) Vögel sind, von Reptilien abstammende, warmblütige, befriedete und meist flugfähige Wirbeltiere, die heute mit rund 8600 Arten in allen Biotopen weltweit vertreten sind. Die Vordergliedmaßen (unter starker Reduktion der fünf Finger) sind zu Flügeln umgebildet. Das Skelett ist teilweise lufthaltig, die Haut ohne Schweißdrüsen und überwiegend mit einer meist großen Bürzeldrüse versehen. Die Lunge ist relativ klein, wenig dehnbar und ohne Lungenbläschen. Dafür erstrecken sich z.T. blasebalgartig wirkende Luftsäcke in die Röhrenknochen. Der Stoffwechsel ist sehr intensiv und die Körpertemperatur mit ca. 42 ° C recht hoch. Mit Ausnahme von Strauß, Gänsevögeln und wenigen anderen Gruppen verfügen die Vögel über keinen Penis. Die Befruchtung erfolgt über die Kloake. Die Harnsäure wird zusammen mit dem Kot (weißer Bestandteil) ausgeschieden, da dem Vogel keine Harnblase zur Verfügung steht. Die Vögel legen mit einer Kalkschale umgebene Eier. An Sinnesorganen steht bei den Vögeln der Gesichtsinn im Vordergrund. Das Farbensehen ist im allgemeinen ähnlich wie beim Menschen. Hinsichtlich Sehschärfe und Gesichtsfeld ist das Sehvermögen der Vögel dem des Menschen überlegen. Der gut ausgebildete Hörsinn entspricht in etwa dem des Menschen, wohingegen der Geruchssinn sehr schwach entwickelt ist. Die Lauterzeugung erfolgt meist durch ein an der Gabelung der Luftröhre in die beiden Hauptbronchien als unterer Kehlkopf ausgebildetes Organs, der Syrinx. Durch die wechselseitige Kontraktion von mehr als drei (meistens sieben bis neun) Paar Muskeln, die mehr oder weniger gespannt und mit Hilfe der ausgestoßenen Atemluft zum Vibrieren gebracht werden, erzeugen die Vögel ihren Gesang. Anatomie eines Vogels
2. Der Kanarienvogel Der Kanarienvogel gehört der Familie der Finken (Fringillidae) und innerhalb der Unterfamilie Carduelinae der Gattung der Girlitze (Serinus) an, weshalb der Wildvogel auch Kanariengirlitz, mit dem wissenschaftlichen Namen Serinus canaria heißt. Die Heimat des Kanariengirlitz sind die Kanarischen Inseln, Madeira und die Azoren. Er bevorzugt ein Gelände, in dem sich Baumbestände und freie Flächen abwechseln und zwar im Flachland genauso wie an den Hängen der Berge. Das Nest wird vom Weibchen in 2 bis 3 m Höhe in den Gabeln von dünnem Geäst aus weichen Gräsern, Fasern und Pflanzenwolle recht kunstvoll gebaut. Das Gelege besteht aus 3 - 5 Eiern und wird 13 - 14 Tage vom Weibchen bebrütet. Während dieser Zeit wird das Weibchen vom Hahn gefüttert. Es werden 2 - 3 Bruten im Jahr durchgeführt. Er ernärt sich von verschiedenen öl- und mehlhalten Wildsämereien in den unterschiedlichsten Reifestadien. Besonders beliebt ist die Kanariensaat (Glanz, Spitzsaat), ein Grasgewächs, das auf den Kanarischen Inseln beheimatet ist. Zur Jungenaufzucht werden viele halbreife Sämereien, einige kleine Insekten und süße, weiche Früchte verfüttert. Grünfutter wird das ganze Jahr über aufgenommen. 3. Der Weg in die Domestikation Seit Eroberung der Kanarischen Inseln im Jahre 1496 durch die Spanier brachten Soldaten und Seeleute, Kanarienvögel mit nach Spanien. Die munteren Sänger erlangten sehr schnell große Beliebtheit und konnten nicht in den Mengen herbeigeschafft werden, wie die Nachfrage anstieg. Die erwarteten Einnahmen bewegten die spanischen Mönche dazu, mit den mitgebrachten Kanarienvögeln zu züchten. Um das gut in Schwung gekommene Geschäft mit den Kanarien-vögeln für sich zu behalten, wurden ausschließlich Männchen verkauft, die ja auch wegen ihres lieblichen Gesanges - besonders bei den Damen der gehobenen Gesellschaft - sehr gefragt waren. So blieb die Zucht der Kanarienvögel bis etwa 1600 ausschließlich Sache der Spanier. Die Vögel wurden nicht nur im eigenen Land, sondern auch nach England, Frankreich und Italien verkauft. Auf welche Art und Weise Kanarienweibchen nach Italien gelangten, wird in verschiedenen Darstellungen erwähnt, ohne aber authentisch nachgewiesen zu sein. Jedenfalls begann schon vor 1600 in verschiedenen Städten Italiens die Zucht von Kanarienvögeln, bei der schon erste Mutationen vorkamen. Zur gleichen Zeit kamen Kanarienvögel nach England. Königin Elisabeth I. war begeisterte Liebhaberin dieser kleinen Vögel und beschäftigte eigens für die Zucht und Pflege des Kanarienvogels Bedienstete am Hofe. Als diese Vögel dann auch in die Hände von Handwerkern und Arbeitern kamen, nahm die Kanarienzucht größere Ausmaße an. Schon damals wurde bei der Zucht in England besonders auf das äußere Erscheinungsbild, also Form und Haltung wert gelegt. Auch in Frankreich wurde bereits während der Hugenottenverfolgung gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts Kanarienzucht betrieben. Hundert Jahre später, als viele Hugenotten Frankreich verließen, wurden Kanarienvögel verschiedener Färbung mit nach England, Holland Deutschland und der Schweiz gebracht. Von den Kanarienzuchten in Italien wurden Tiere über die Alpen nach Deutschland gebracht. So kam es ebenfalls schon um 1600 in Tirol zu Nachzuchten. Da der Broterwerb im Bergbau schwer war und zurück ging, entwickelte sich in Tirol eine Zucht- und Handelszentrale. In Imst am Inn wurde eine Gesellschaft für den Ankauf und den Versand in alle Welt gegründet. Die Tiroler Vogelhändler zogen mit Rückengestellen auf denen bis zu 200 Kanarienvögel in kleien Holzkäfigen getragen wurden durch ganz Europa. Die Blütezeit der Tiroler Kanarienzucht war im achtzehnten Jahrhundert. Viele Tiroler wanderten des Verdienst wegen aus in den Harz und brachten natürlich auch den Kanarienvogel hierhin mit, so daß zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Zucht der Kanarienvögel auch im Harz anlief. Hier wurde sehr intensiv an der Verbesserung der Gesangsqualitäten gearbeitet, so daß in relativ kurzer Zeit der Harzer Roller weltberührt wurde. Ab 1842 wurden Kanarienvögel aus dem Harz bis nach Amerika exportiert. Um die Jahrhundertwende erreichte die Harzer Kanarienzucht ihren Höhepunkt und es wurden mehr als eine Million der inzwischen berühmten Harzer Roller exportiert. 4. Die Entwicklung des Kanarienvogels Während in Deutschland der Schwerpunkt der züchterischen Leistung in der Verfeinerung der Gesangsqualitäten lag, konzentrierten sich die englischen Züchter schon im 18. Jahrhundert auf die Erzüchtung von Kanarienvögeln mit anderer Gestalt. Auf dem europäischen Festland wurde sich neben der Gesangskanarienzucht mit der Zucht von farblich abweichenden Kanarien beschäftigt. So haben wir in der heutigen Kanarienzucht die drei großen Zuchtrichtungen Gasang, Farbe und Positur. 4. 1 Die Gesangskanarien In der Gesangskanarienzucht wurde über Generationen hinweg, durch ständige Auslese, das Lied des wilden Kanarengirlitzes in das heute bekannte Kanarienlied entwickelt, welches ein Repertoire an wohlklingenden Tönen enthält. Nachdem die unterschiedlichen Liedteile (sprich Turen) gegliedert waren, wurde 1922 in Kassel die Deutsche Einheitsskala fixiert, in der Werteinteilungen und Punktzuordnungen festgeschrieben sind. Im Jahre 1959 wurde das Kanarienlied in zwei Turengruppen , die Wertturen und die Fehlturen unterteilt. Die acht Wertturen - Hohlrolle, Knorre, Wassertur, Hohlklingel, Schockel, Pfeife, Glucke, und Klingeltur werden je nach der vorgetragenen Variation, der Klangfarbe, dem Tonumfang, dem Wohlklang und der Reinheit in drei Stufen bewertet. Das Erkennen und richtige Einstufen der Turen setzt jahrelange Erfahrung und Fachkenntnis in der Gesangskanarienzucht voraus. Das Kanarienlied, wie übrigens auch die Lieder aller Finkenvögel, ist nicht konstant, sondern unterliegt ständiger Veränderungen. Einflüsse auf das Kanarienlied nehmen neben der Begabung des Vogels auch die Umwelt, wie Jahreszeit, Alter, Stimmung und Käfigstandort. Sind die einfachen Laute, wie Locktöne, Warn- und Drohlaute den Vögeln angeboren, so müssen ihm die komplizierten, klangreichen Lieder antrainiert werden, wenn hier auch genetische Anlagen ihren Einfluß haben. In den letzten Jahren gewann neben der Zucht des Harzer Roller in Spanien die Zucht des Spanischen Timbrador und in Belgien die Zucht des Belgischen Wasserschlägers an Bedeutung. 4.2. Die Farbkanarien In Spanien und Italien traten schon kurze Zeit nach der regelmäßigen Zucht Farbabweichungen zu der Wildform auf. Waren es zuerst teilweise Aufhellungen, sprich gelbe Flecken im Gefieder, waren schon vor 1600 reingelbe Kanarienvögel bekannt. Auch die Tiroler Gesangskanarien waren überwiegend gelb. Auch der Ausfall sämtlicher Farbstoffe im Gefieder ließ nicht mehr lange auf sich warten. Im Jahr 1667 wurde in Deutschland von rein weißen Kanarienvögeln berichtet. Zuvor waren Zeichnungen von weißgescheckten Kanarienvögeln zu sehen. Auch graue, graugescheckte und braune Kanarienvögel werden bereits in Büchern des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts erwähnt. In diese Zeit fallen auch die Achatvögel, die in Holland erstmals erwähnt wurden. Die Mutationen der weißen, grauen und Achatvögel verschwanden wieder, da zu dieser Zeit die Vererbungslehre noch nicht bekannt war. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Farbkanarienzucht richtig populär. Die seinerzeit ausgestorbenen Mutationen traten wieder auf und es kamen noch weitere hinzu. Mit dem Wissen der Mendelschen Vererbungsregeln war es nun nicht mehr schwer, die aufgetretenen Mutationen zu festigen und stabile Zuchtstämme aufzubauen. Das wohl größte Ereignis in der Farbkanarienzucht war die Realisierung des roten Kanarienvogels, durch die Einkreuzung des Kapuzenzeisigs. Es war jedoch ein langer und mühsamer Weg, das Rot zu stabilisieren, da nur ein geringer Prozentsatz der männlichen Mischlinge aus Kanarienvogel und Kapuzenzeisig fruchtbar war. In der Zeit zwischen 1915 und 1925 gelang es einigen deutschen Züchtern - vor allem dem in Ostpreußen lebenden Bruno Matern - die roten Kanarienvögel zu festigen. Ach wenn die Farbkanarienzucht in Deutschland die wohl wichtigsten Impulse bekam, so wurde doch diese Zucht in Holland und Belgien viel fleißiger betrieben. Zur Zeit sind in unseren Zuchtorganisationen über 300 Farbschläge anerkannt. Die genetischen Faktoren, die diese farbliche Mannigfaltigkeit hervorbringt sind überraschend klein. Alle dunklen Farbkomponenten, wie Schwarz, Braun usw. rühren allein von den Melaninen, den aus stäbchenförmigen Farbstoffpartikeln bestehenden Eumelaninen und den kornförmigen Partikeln der Phaeomelaninen, her. Die zweite Farbgruppe sind die Fettfarben (Lipochrom oder Carotinoide), die als Vorstufe oder fertig mit pflanzlicher Nahrung aufgenommen werden müssen. Im Gegensatz hierzu sind die Melanine körpereigene Farbstoffe. Diese Fettfarben werden vom Organismus entsprechend seiner genetischen Struktur aufgebaut und in flüssiger Form im Blutstrom an die Federkiele transportiert und im verhornenden Gewebe der Feder kristallisiert und damit fest in der Feder verankert. Die Carotinoide reichen von Gelb bis Feuerrot. Die dritte Farbgruppe ist die Farbstruktur. Hier unterscheidet man zwischen intensiv und schimmel. Intensive Vögel haben dünneres und enger anliegendes Gefieder, so daß sie schlanker und kleiner wirken als nicht intensive (schimmel) Vögel. Bei intensiven Vögeln dringen die Carotinoide bis in die Federspitze vor, so daß diese die Fettfarben wesentlich kräftiger zeigen als die Schimmelvögel. Die nicht intensiven Vögel wirken blasser und größer, da ihre Federn einen kleinen weiß bereiften Federrand aufweisen. Vögel, die genetisch nicht in der Lage sind die in der Nahrung angebotenen Carotinoide aufzubauen und umzusetzen bleiben Fettfarblos, also Weiß. Hier gibt es solche, die grundsätzlich keine Carotinoide umsetzen und somit vollkommen weiß (rezzesiv-weiß) sind und Vögel, die eine zu langsame Prolipochromausbildung zeigen und die genetisch zwar noch existierenden Faktoren für rot oder gelb nicht mehr zur Wirkung kommen, abgesehen von geringfügigen Farbablagerungen im Großgefieder (dominant-weiß). 4.3 Die Positurkanarien Diese Zuchtform hält bis in die heutige Zeit an und wird nicht nur in England sondern mittlerweile in der ganzen Welt betrieben. An den Rassenamen, die nicht nur bei den englischen Positurvögeln von den Regionen, in denen sie erzüchtet wurden, abgeleitet sind, erkennt man die Herkunft. Stammvater vieler, speziell der englischen, Positurvögeln ist der Große Vogel von Gent, der bereits um 1600 in den flämischen Küstengebieten des Königreichs der Vereinigten Niederlande erzüchtet wurde. Ausgangspunkt aller gebogenen Rassen dürfte der Bossu Belge mit typisch belgischem Gepräge sein, der wiederum seinen Ursprung im Grote Gentse Vogel hat und etwa ab 1800 als eigenständige Rasse gilt. Der Ursprung der frisierten hat in der Rokokozeit (1720-1780) gelegen. Der Trend der verspielten Formen der damaligen Zeit hat sich auch bei der Vogelzucht ausgewirkt. Im Jahr 1758 wird ein Kanarienvogel mit Flaumfedern erwähnt. Hiermit wurde offensichtlich die Gefiederstruktur gemeint, die heute als Locken oder Frisurenfedern bezeichnet werden. Die Anfänge des Pariser Trompeter, der als Ursprung aller frisierten Rassen gilt, sind nicht, wie der Name vermuten lässt, in Paris erzüchtet worden, sondern in den holländisch-belgischen Provinzen. Da in dieser Gegend, zu dieser Zeit der Grote Gentse Vogel weit verbreitet war, ist anzunehmen, dass dieser auch bei der Erzüchtung der frisierten Rassen beteiligt war. Die gebogenen, frisierten Rassen wurden zu Beginn dieses Jahrhunderts erzüchtet. Ihre Stammväter dürften wohl die friesierten (Pariser Trompeter) und die gebogenen (Bossu Belge) Vögel gewesen sein. Die Erzüchtung neuer Kanarienrassen geht bis in die heutige Zeit und hoffentlich auch noch darüber hinaus weiter, wie die relativ jungen Rassen Fiorino, Makige, Rheinländer, Mehringer usw. zeigen. Derzeit sind 26 Positurrassen, die wiederum in unterschiedliche Farbschläge aufgeteilt sind, anerkannt.
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